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Urbaner Krieg (Teil 2/3): Was bedeutet das für Soldat und Streitkräfte?

  • Autorenbild: Dr. Jonas Neugebauer
    Dr. Jonas Neugebauer
  • 19. Juli
  • 4 Min. Lesezeit

Ganz gleich, ob in Gaza Stadt oder im Donbass, ob konventioneller Konflikt oder Evakuierungsmission in Kabul: Der urbane Kampf ist in den letzten Dekaden und auch zuletzt von erheblicher Bedeutung gewesen. Dr. Jonas Neugebauer widmet sich in einer dreiteiligen Reihe für den Kürassier einigen ausgewählten Fragen rund um diesen höchst relevanten Themenbereich.


Eine goldene Nuklearrakte auf einer Landkarte vor einer Stadt.
Bombenschäden an Gebäuden von Gaza Stadt - Überreste des brutalen Krieges seit dem 07. Oktober.

Teaser-Bild von Jaber Jehad Badwan, frei verfügbar über Wikimedia Commons via https://short-url.cc/1tBub.



Der urbane Raum gilt weithin als eines der komplexesten und damit herausforderndsten Einsatzgebiete der modernen Kriegsführung. Physische Beschaffenheit, Bebauung und Infrastruktur erzeugen ein mehrdimensionales Einsatzgebiet, das sich von den tiefsten Ebenen eines Kanalisations- oder U-Bahnnetzwerks bis hin zu den höchsten Dächern der Stadt erstrecken kann. Verhältnismäßig kleine Truppenkontingente, wie sie heutzutage üblich sind, werden in Zeiten der Großstädte, Metropolen und »Megacities« regelrecht von ihrem Einsatzgebiet verschlungen und nicht selten von Versorgung und zentralen Kommandostrukturen, aber auch von anderen verbündeten Truppen abgeschnitten und isoliert.  Das physische Terrain, die Bebauung und die Beschaffenheit von Straßen und Wegen können dazu führen, dass einzelne Einheiten voneinander getrennt werden oder unabhängig voneinander agieren müssen, weil z.B. nicht jede verwinkelte Gasse in jeder Altstadt von allen gepanzerten Fahrzeugen befahren werden kann oder weil eben nur abgesessene Infanterie in der Lage ist, Räume in mehrstöckigen Gebäudekomplexen zu sichern. Hinzu kommen durch dichte Bebauung und verwendete Baumaterialien erzeugte Störungen und Behinderungen in der Kommunikation und regelmäßig auftretende Probleme bei der Navigation in für die Soldaten und Soldatinnen unbekannten Städten. Die dadurch in urbanen Operationen immer wieder zu beobachtende Fragmentierung und Isolierung von Einheiten verhindert die effektive Anwendung eines Agierens mit verbundenen Kräften und beraubt moderne Streitkräfte somit einer ihrer grundlegendsten Fähigkeiten.


Im Allgemeinen ist urbane Kriegsführung in der Regel geprägt von Unübersichtlichkeit, Chaos, Enge und einem langsamen taktischen Tempo und steht somit in klarem Widerspruch zu vielen operativen und taktischen Grundprinzipien westlicher Streitkräfte. Moderne westliche Streitkräfte sind in der Theorie meist darauf ausgelegt, auf Basis ihrer hoch-technologisierten Fähigkeiten auf große Distanzen mit höchster Präzision zu wirken, technische Hilfsmittel einzusetzen, um das eigene Bild für die Lage zu verbessern und durch umfassende Kommunikation und Koordination verschiedene Truppenkontingente und Waffengattungen zielführend und effektiv gleichzeitig zum Einsatz zu bringen. Im urbanen Raum werden diese Fähigkeiten jedoch regelmäßig auf die Probe gestellt und regelrecht außer Kraft gesetzt. Der urbane Kampf ist meist ein Kampf auf kurze, nicht auf lange Distanz, schiere Feuerkraft und Wirkfähigkeit übertrumpfen nicht selten Präzision und Genauigkeit; Koordination und Kommunikation werden, wie bereits erläutert, massiv beeinträchtigt und gestört.


Hinzu kommt außerdem eine enorme Belastung für Mensch und Material, die üblicherweise mit urbanen militärischen Konfrontationen einhergehen. Bedingt durch die besonderen Charakteristiken des urbanen Kampfes, durch die Unübersichtlichkeit des Gebietes und das Chaos, das häufig an die Stelle des situativen Bewusstseins tritt, führen urbane Konfrontationen erfahrungsgemäß zu einer deutlich gesteigerten Anzahl an verwundeten und getöteten Soldaten und Soldatinnen im Vergleich zu Kampfhandlungen auf anderem Gelände. Auch die ohnehin mit gewaltsamen Konfrontationen einhergehende psychische Belastung wird durch die Dichte und Unübersichtlichkeit des urbanen Einsatzgebietes und durch die konstante und allumfassende Bedrohung, der die Einheiten ausgesetzt sind, nochmals deutlich verstärkt. Letzten Endes kann in jedem Raum, hinter jeder Tür und Ecke, auf jedem Dach und in jedem Tunnel ein bewaffneter Gegner, eine Sprengfalle oder ein anderer Hinterhalt warten. 

 

Erfahrungen aus urbanen Operationen in der näheren Vergangenheit haben außerdem gezeigt, dass mit diesem besonderen Einsatzszenario in der Regel ein deutlich gesteigerter Verschleiß an Material und ein signifikant erhöhter Verbrauch von Munition und anderen Versorgungsgütern einhergeht. Der umfangreiche Einsatz von Granaten, Deckungsfeuern, Sprengstoffen und anderen Wirkmitteln sowie von direkter und indirekter Feuerunterstützung, beispielsweise durch Panzer, Artillerie oder aus der Luft haben sich in der Vergangenheit als notwendig erwiesen, um im Stadtkampf bestehen und erfolgreich agieren zu können. Gleichzeitig hat sich gezeigt, dass vor allem die größeren Systeme wie gepanzerte Fahrzeuge, Panzer oder Helikopter im urbanen Raum anfällig für direkte Angriffe und Beschädigungen sind. Letztlich führte das gesteigerte Risiko, dem die Soldaten und Soldatinnen im Stadtkampf ausgesetzt waren – nicht nur durch den Gegner, sondern beispielsweise auch durch Geröll, unwegsames Gelände sowie herumliegende Splitter oder Schrapnelle – zu einem deutlich gesteigerten Bedarf an Verbandsmaterialien und medizinischer Versorgung.

 

Bedingt durch all die hier kurz dargestellten Aspekte und Faktoren stellt das Operieren und Kämpfen im urbanen Raum eine besondere Herausforderung für moderne Streitkräfte dar, eine Herausforderung derer man sich in Deutschland, innerhalb der EU und in großen Teilen der NATO aktuell möglicherweise nicht gänzlich bewusst ist; eine Herausforderung, der man aufgrund der enormen Anforderungen und extremen Begleiterscheinungen zum jetzigen Zeitpunkt möglicherweise nicht gewachsen wäre.


Urbane militärische Operationen und vor allem militärische Konfrontationen im urbanen Umfeld werden nicht nur bestimmt durch enorme taktische Komplexität und extreme Belastung für die eingesetzten Einheiten, sie gehen stets auch einher mit schwerwiegenden Auswirkungen, Begleiterscheinungen und Konsequenzen für die betreffenden Städte selbst und vor allem auch für diejenigen, die in diesen Städten leben. Der nächste Beitrag wird sich deshalb der Frage widmen, welche Auswirkungen der urbane Krieg auf die zivile Bevölkerung in den betroffenen Städten und auf die Städte selbst haben kann.




NATO-Experte a.D. Michael Rühle

Zum Autor:


Dr. Jonas Neugebauer

Militärhistoriker


Dr. Jonas Neugebauer ist Militärhistoriker und Analyst im Bereich Verteidigung und Sicherheit. Seine Promotion absolvierte er zum Thema Urbane Kriegsführung an der Universität Potsdam.

In Kürze erscheint eben jene Dissertationsschrift mit dem Titel The Dilemma of Humanised Urban Warfare in der Reihe DeGruyter Studies in Military History.



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