Urbaner Krieg (Teil 3/3): Was bedeutet das für die betroffenen Städte und ihre Einwohner?
- Dr. Jonas Neugebauer

- 9. Aug.
- 3 Min. Lesezeit
Ganz gleich, ob in Gaza Stadt oder im Donbass, ob konventioneller Konflikt oder Evakuierungsmission in Kabul: Der urbane Kampf ist in den letzten Dekaden und auch zuletzt von erheblicher Bedeutung gewesen. Dr. Jonas Neugebauer widmet sich in einer dreiteiligen Reihe für den Kürassier einigen ausgewählten Fragen rund um diesen höchst relevanten Themenbereich.

Teaser-Bild von Jaber Jehad Badwan, frei verfügbar über Wikimedia Commons via https://short-url.cc/1tBub.
Durch die vorherrschende Unübersichtlichkeit und Dichte werden militärische Operationen im urbanen Raum oft zu beschwerlichen und risikoreichen Herausforderungen für jede Streitkraft. Gleichzeitig bergen gerade militärische Auseinandersetzungen, die in einer Stadt oder einem Ballungsraum ausgetragen werden, umfassende Gefahren und Unsicherheiten - nicht nur für die beteiligten Soldaten und Soldatinnen, sondern vor allem auch für die zivile Bevölkerung, die in der betroffenen Stadt lebt und deren Leben und körperliche wie psychische Unversehrtheit eine solche Konfrontation in vielerlei Hinsicht gefährden kann.
Eine große Bedrohung für Zivilisten im urbanen Einsatzgebiet geht dabei, wenig überraschend, von direkten Kampfhandlungen aus, von eingesetzten Wirkmitteln und deren gewollter wie ungewollter Wirkung. Wie in allen modernen militärischen Konfrontationen kommt auch während Kämpfen im urbanen Raum eine Vielzahl an verschiedenen Waffensystemen und Munitionstypen zum Einsatz, die je nach Situation und Umständen verheerende Auswirkungen haben können. Vor allem explosive Munitionsarten, wie sie beispielsweise von Panzern, Artillerie oder bei Luftangriffen verwendet werden, können im engen urbanen Raum unberechenbare Wirkungen entfalten. Durch verwinkelte Gassen können Druckwellen und Explosionen kanalisiert und über das vorgesehene Zielgebiet hinaus verstärkt werden. Baumaterialien, Geröll und Unrat werden dabei mitgerissen und gefährden als Schrapnelle und Splitter ungewollt das Leben von Zivilisten in großem Umkreis. Hinzu kommt, dass die Unübersichtlichkeit des urbanen Raumes Streitkräfte nicht selten daran hindert, sich ein eindeutiges Bild der Lage im Zielgebiet zu verschaffen, was letztlich dazu führen kann, dass die Anwesenheit von Zivilisten im Einsatzgebiet verborgen bleibt. Selbst dem Schutz von Nichtkombattanten verschriebene Streitkräfte laufen dadurch Gefahr, im Zuge ihrer Aktivitäten ungewollte zivile Opfer zu verursachen.
In der Vergangenheit kam es zudem wiederholt zu Situationen, in denen Kriegsparteien gezielt in der Nähe von Zivilisten operierten, diese daran hinderten, aus einer Stadt oder einem Stadtgebiet zu fliehen oder sie sogar zwangen, sich in der Nähe der eigenen Einheiten aufzuhalten, um sich mithilfe dieser »menschlichen Schilde« vor Angriffen zu schützen. Vor allem unkonventionell agierende Parteien wie Terrorgruppen und Guerillaeinheiten griffen in der jüngeren Vergangenheit wiederholt auf derartige Praktiken zurück, um sich die Vorsicht ihrer Gegner in Bezug auf Kollateralschäden zunutze zu machen. Darüber hinaus wurden Nichtkombattanten von derartigen Akteuren auch vermehrt dazu genötigt oder gezwungen, sich indirekt am Kampf zu beteiligen; z.B. durch die Beschaffung von Informationen oder die Versorgung von Kämpfern mit Nahrung und Medizin oder gar direkt durch ein Miteingreifen in Kampfhandlungen. Je nach Situation und Kontext kam es in der Vergangenheit auch häufiger vor, dass Nichtkombattanten derartige Unterstützung freiwillig und aus Überzeugung statt unter Zwang leisteten, um die jeweilige Sache oder die jeweilige Kriegspartei zu unterstützen.
Neben diesen direkten, primären Gefahren und Risiken, denen die Zivilbevölkerung in einer urbanen Kriegssituation ausgesetzt sein kann, existiert auch eine Vielzahl sekundärer Bedrohungen, die das Leben in einer Stadt nicht durch direkte Kampfhandlungen, sondern durch deren Begleiterscheinungen gefährden können. So gehen militärische Konfrontationen im urbanen Raum aufgrund der eingesetzten Taktiken und Mittel meist mit weitreichenden Schäden und Zerstörungen einher. Diese Folgen betreffen sowohl Wohnräume, wodurch die Bewohner gezwungen sind, zu fliehen, als auch die umfassende Infrastruktur und das Netzwerk aus verschiedenen Diensten und Versorgungswegen, welche zum Überleben in einer Stadt unverzichtbar sind. Durch Zerstörung und Beschädigung im Zuge urbaner Kämpfe können ganze Stadtteile und Städte so von der überlebenswichtigen Versorgung mit Wasser, Energie, Medizin und Nahrungsmitteln abgeschnitten werden, was verheerende Folgen für die in den betroffenen Gebieten lebende Zivilbevölkerung hat. Des Weiteren sehen sich die Überlebenden einer urbanen Auseinandersetzung mit den Überresten der Kämpfe konfrontiert, mit instabilen Gebäuden und Ruinen, zurückgelassenen Sprengfallen und Blindgängern sowie nicht bestatteten, teils verschütteten Leichen. Die Gefahr durch Kampfrückstände, Krankheiten und Seuchen sowie Unterernährung besteht somit noch lange Zeit, nachdem die eigentlichen Kampfhandlungen beendet sind.

Zum Autor:
Dr. Jonas Neugebauer
Militärhistoriker
Dr. Jonas Neugebauer ist Militärhistoriker und Analyst im Bereich Verteidigung und Sicherheit. Seine Promotion absolvierte er zum Thema Urbane Kriegsführung an der Universität Potsdam.
In Kürze erscheint eben jene Dissertationsschrift mit dem Titel The Dilemma of Humanised Urban Warfare in der Reihe DeGruyter Studies in Military History.



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