Urbaner Krieg (Teil 1/3): Aktuell wie nie?
- Dr. Jonas Neugebauer

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Aktualisiert: vor 11 Stunden
Ganz gleich, ob in Gaza Stadt oder im Donbass, ob konventioneller Konflikt oder Evakuierungsmission in Kabul: Der urbane Kampf ist in den letzten Dekaden und auch zuletzt von erheblicher Bedeutung gewesen. Dr. Jonas Neugebauer widmet sich in einer dreiteiligen Reihe für den Kürassier einigen ausgewählten Fragen rund um diesen höchst relevanten Themenbereich.

Teaser-Bild von Jaber Jehad Badwan, frei verfügbar über Wikimedia Commons via https://short-url.cc/1tBub.
Das aktuell in Deutschland und Europa vorherrschende Kriegsbild wird wenig überraschend vor allem von den Ereignissen in der Ukraine geprägt, von Beobachtungen, wie dort Krieg geführt wird, welche Mittel zum Einsatz kommen und welche Taktiken die Kriegsparteien dort anwenden. Während Aspekte wie der umfassende und oftmals neuartige Einsatz verschiedenster unbemannter Systeme (Drohnen), die Rückkehr des Stellungs- und Grabenkrieges, die zentrale Rolle von Artillerie sowie die umfassende Aktivität aller Kriegsparteien im Informations- und Cyberraum in den vergangenen Monaten immer wieder große Aufmerksam erhielten, so scheint eine Beobachtung doch häufig auszubleiben oder zumindest vernachlässigt zu werden: Die Tatsache, dass Städte und urbane Räume wie Kyiv, Mariupol oder Luhansk ein zentrale Rolle für die Kriegs- und Operationsführung beider Kriegsparteien spielen und dass urbane Kriegsführung deshalb zu einer allgegenwärtigen Erscheinung des Konfliktes geworden ist.
Diese Entwicklung ist dabei keineswegs ein auf den Krieg in der Ukraine beschränktes Phänomen, sondern kann vielmehr als die Fortsetzung eines global zu beobachtenden Trends gesehen werden, den Forscher und Experten seit längerem analysieren und als Urbanisierung des Krieges charakterisiert haben. Dieser Analyse zugrunde liegt die Feststellung, dass Städte und urbane Ballungsräume eine immer größere Rolle für das Leben auf der Erde spielen. Während bereits jetzt mehr als die Hälfte der rapide wachsenden Weltbevölkerung in Städten und urbanen Zentren lebt, wird sich dieser Anteil bedingt durch Bevölkerungswachstum und (Land-)Flucht in den kommenden Jahren weiter deutlich vergrößern. Ohnehin bestehende Konflikte um Wohnraum, Versorgung, Einfluss oder kulturelle und religiöse Geltung werden durch die Entwicklung konstant verschärft, da die Städte und urbanen Räume selbst immer mehr an ihre Grenzen stoßen, wenn es darum geht, die explodierenden Einwohnerzahlen adäquat aufzufangen und die entsprechende Versorgung und die notwendigen Räume für die gesamte Bevölkerung sicherzustellen. Hinzu kommt, dass ein unverhältnismäßig großer Teil des erwarteten urbanen Wachstums in eben jenen weniger entwickelten, oft armen Regionen und Städten der Welt auftreten wird, in denen bereits heute große Probleme und enorme Konfliktpotenziale bestehen.
Während das gesteigerte urbane Wachstum und die damit einhergehenden Herausforderungen und Konflikte vor allem in den kommenden Jahren und Jahrzehnten eine immer größere Rolle spielen werden, so lässt sich ein anderer Aspekt schon seit Jahrhunderten, wenn nicht gar Jahrtausenden beobachten – die funktionale wie symbolische Bedeutung von Städten und die damit einhergehende strategische Lukrativität urbaner Räume. Seit jeher fungieren Städte als Macht- und Einflusszentren, als wirtschaftliche, industrielle und infrastrukturelle Knotenpunkte und als kulturelle sowie religiöse Pole ganzer Länder und Regionen. Bedingt durch diese Eigenschaften wird Städten in der Regel auch unter strategischen Gesichtspunkten häufig hohe Bedeutung beigemessen, insbesondere von jenen Parteien, die nach politischer, gesellschaftlicher, wirtschaftlicher oder religiöser Kontrolle in einem Land streben oder sich die Vernetzung und industriellen Kapazitäten einer Stadt zunutze machen wollen. Darüber hinaus birgt die Eroberung oder Verteidigung einer Stadt nicht selten auch einen großen symbolischen Wert, der von Kriegsparteien für die eigene Darstellung oder die eigene Propaganda genutzt werden kann.
Bedingt durch diese und andere Entwicklungen wird es zunehmend wahrscheinlich, dass auch die Bundeswehr, zum Beispiel als Teil eines EU- oder NATO-Einsatzes, in näherer Zukunft gezwungen sein wird, in einer Stadt zu agieren. Nicht zuletzt die Beobachtungen aus der Ukraine sowie eine potenziell drohende Konfrontation mit Russland an der NATO-Ostgrenze machen es deshalb unausweichlich, dass man sich auch in Deutschland umfassender mit dem Thema urbaner Operationen und urbaner Kriegsführung auseinandersetzt. Diese spezielle Art des militärischen Einsatzes bietet eine Vielzahl an Herausforderungen, Problemen und Hindernissen und ist geprägt durch ein einzigartiges Level an Komplexität. Es erfordert deshalb umfangreiche Vorbereitung, sorgfältige Ausbildung und ein detailliertes Verständnis dafür, was es bedeuten kann, militärisch in einer Stadt wie Tallinn, Riga oder Vilnius zu agieren.
Um nachhaltig zu diesem Verständnis beizutragen und eine tiefgreifendere Auseinandersetzung mit dem Thema anzuregen werden hier in den kommenden Wochen mehrere Beiträge erscheinen, die sich mit urbanen militärischen Operationen und urbaner Kriegsführung befassen. Ziel wird es dabei sein, Fragen nachzugehen wie: »Was bedeutet es für Soldaten und Armeen, im urbanen Raum zu agieren?«, »Welche Folgen und Konsequenzen haben urbane Konflikte für die Zivilbevölkerung und die Städte, in denen sie ausgetragen werden?« oder »Wieso sollte uns das Thema urbaner Krieg beschäftigen?«, um die Komplexität und Vielschichtigkeit dieses Themas zu ordnen und zugänglicher zu machen.

Zum Autor:
Dr. Jonas Neugebauer
Militärhistoriker
Dr. Jonas Neugebauer ist Militärhistoriker und Analyst im Bereich Verteidigung und Sicherheit. Seine Promotion absolvierte er zum Thema Urbane Kriegsführung an der Universität Potsdam.
In Kürze erscheint eben jene Dissertationsschrift mit dem Titel The Dilemma of Humanised Urban Warfare in der Reihe DeGruyter Studies in Military History.




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